Protestantisches Oberösterreich


 
Die Geschichte Mitteleuropas ist stark mit jener der Kirche verbunden. Während des ganzen Mittelalters stellte die Kirche die einzige brauchbare Verwaltungsstruktur dar. Personen, Häuser und Grundstücke wurden nach dem Namen der Pfarre und Diözese zugeordnet. Die einzige Registrierung von Personen erfolgte lange Zeit nur durch die Pfarreien.
In Österreich hat die Römisch-katholische Kirche eine dominierende Rolle, die auch durch den kulturellen Reichtum zum Ausdruck kommt, der über Jahrhunderte von der Kirche geschaffen wurde.
Ein Aspekt, der dabei meist untergeht, ist das Vorhandensein einer lokal entstandenen protestantisch-lutherischen Kirche.
Durch die eigene Familiengeschichte ist der Autor mit diesem bemerkenswerten Thema der oberösterreichischen Regionalgeschichte in Berührung gekommen.
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Der Anteil der Protestanten
an der Bevölkerung in Oberösterreich
Protestantische Inseln in Österreich
Als Kaiser Josef II. am 13. Oktober 1781 das Toleranzpatent erließ, mit dem neben der katholischen Kirche auch andere Religionsgemeinschaften zumindest geduldet wurden, meldeten sich in einigen Gebieten mehrere tausend Menschen, um ihr Bekenntnis zum evangelischen Glauben öffentlich kundzutun und begannen bald, eigene Gotteshäuser zu errichten.

In Österreich können drei Schwerpunkte des Protestantismus ausgemacht werden:
bulletRund um den Dachstein: um den Hallstätter See in Oberösterreich, im Ausseerland und zwischen Schladming und Gröbming in der nordwestliche Steiermark
bulletIn Oberkärnten: unteres Gailtal, im Drautal zwischen Villach und Spittal sowie im anschließenden Liesertal
bulletDas Gebiet zwischen Traun und Donau westlich von Linz in Oberösterreich

Gebiete mit kleinerer Kopfzahl gab es

bulletam Schoberpass in der Steiermark
bulletin den Bergtälern in Niederösterreich nordöstlich von Mariazell (hier durch protestantische Holzknechte aus dem Salzkammergut "eingeschleppt")
bulletim oberösterreichischen Voralpenland bei Vöcklabruck (Rutzenmoos), am Attersee (Nußdorf) sowie östlich von Bad Hall (Neukematen)

Karte mit dem Anteil an Protestanten an der Bevölkerung nach der Volkszählung von 1880 (Gemeindegrenzen von heute). Das Burgenland (in gelber Farbe) mit einem hohen protestantischen Bevölkerungsanteil gehörte damals zu Ungarn und ist daher nicht erfasst.
Vergrößterter Ausschnitt mit Angabe der Anzahl der Protestanten je Region

Auffällig ist, dass es sich meist um abgelegene Gebirgsgegenden handelt, in der sich protestantische Gemeinden in der über 150-jährigen Verbotszeit des Protestantismus halten konnten. In Gosau im inneren Salzkammergut z.B. waren es über 90% der Bevölkerung, die sich 1782 für "evangelisch" erklärten.
Die Gegend zwischen Traun und Donau inmitten des oberösterreichischen Alpenvorlandes fällt jedoch aus diesem Schema, da dieses Gebiet alles andere als abgelegen ist. Somit war es hier nahezu unmöglich, das Vorhandensein nicht-katholischer religiöser Praktiken zu verbergen.
Es wird sogar berichtet, dass zahlreiche illegale Protestanten aus dieser Gegend regelmäßig ins nahe Ortenburg, nur wenige Kilometer südwestlich von Passau, reisten, um dort nach protestantischem Ritus zu heiraten, Kinder taufen zu lassen oder nur einen Gottesdienst zu feiern. Die Grafschaft Ortenburg bildete eine protestantische Enklave im damals sonst rein katholische Süddeutschland, weil der Fürst als Reichsgraf Religionsfreiheit besaß.
 
Kurze Geschichte des Protestantismus in Oberösterreich

 
Um 1580 waren etwa 80% der Bevölkerung Österreichs protestantisch. Das 16. Jahrhundert ist in der oberösterreichischen Landesgeschichte von großen Gegensätzen gekennzeichnet: Auf der einen Seite Wohlstand und eine Blüte des Handels und der Wissenschaft, andererseits aber Bauernaufstände, Pestepidemien und letztlich der Glaubenskampf.
Parallel zur protestantischen Bevölkerungsmehrheit konnte durch das Kaiserhaus in Wien und einem Teil des Adels unterstützt die Struktur der katholischen Kirche in weiten Bereichen aufrecht erhalten werden. Dies bildete die Basis, um die Gegenreformation ab 1598 noch eher zaghaft, aber ab 1631 mit aller Härte voranzutreiben. Die Leute wurde vor die Wahl gestellt, entweder wieder katholisch zu werden oder auszuwandern. Aus Oberösterreich wanderte schätzungsweise ein Viertel der Bevölkerung vornehmlich nach Mittelfranken und Schwaben aus, da diese Gebiete durch den 30-jährigen Krieg stark verwüstet und entvölkert wurden. Für die Wirtschaft bedeutete dieser Aderlass eine Katastrophe, von der sie sich erst in 100 Jahren einigermaßen wieder erholt hatte.

In einigen zumeist abgelegenen Gebirgsgegenden versuchten allerdings die Menschen, meist unterstützt durch einen lokalen Adeligen, ihren protestantischen Glauben zu wahren. Nach außen wurde zwar der katholische Ritus brav praktiziert, daneben bestanden aber protestantische Untergrundgemeinden.

In Salzburg, das bis 1803 ein Fürsterzbistum war, war diese Untergrundkirche über hundert Jahre aktiv und wurde erst 1732 praktisch ausgerottet, indem 22.000 Menschen (rund 20% der Bevölkerung) des Landes verwiesen wurde. Im selben Jahr mussten auch über 100 Protestanten aus dem Salzkammergut das Land in Richtung Siebenbürgen verlassen und bilden heute als "Landler" eine kulturell noch immer autarke Gruppe unter den deutschsprachigen Bewohnern Siebenbürgens.

Warum sich also hier im Alpenvorland Oberösterreichs so viele Protestanten trotz Verbots über etwa 160 Jahre halten konnten, erscheint bis heute seltsam. Sicherlich dürften die örtlichen Herrschaften – darunter auch Klöster wie Wilhering und St. Florian – von den nicht-katholischen Ambitionen ihrer Untertanen gewusst haben. Offenbar hat man aber die evangelischen Praktiken geduldet, solange dies nicht öffentlich geschah. Warum aber in anderen Landesteilen wesentlich strengere Maßstäbe angewendet wurden – z.B. ertappte Protestanten eingesperrt und in "Umerziehungslager" gesteckt wurden –  kann niemand schlüssig beantworten.


Neukematen ist ein winziges Dorf inmitten einer rein landwirtschaftlich geprägten Gegend nordöstlich von Bad Hall.
 
Die evangelische Kirche von Unterscharten (im Vordergrund) liegt in Sichtweite der katholischen Wallfahrtskirche von Oberscharten (im Hintergrund).
 

1782/83 bildeten sich in OÖ. insgesamt 9 Toleranzgemeinden. Es wurde den Gläubigen dabei alles andere als leicht gemacht. Es begann damit, dass bewusst die Nachricht von der Verkündung der Religionsfreiheit lange Zeit nicht bekannt gemacht wurde. Als es sich dann doch nach mehrmonatiger Verspätung bis nach Oberösterreich herumgesprochen hatte und tausende Leute Willens waren, sich bei den Behörden als "akatholische" Christen eintragen zu lassen, erfand man allerlei Schikanen, um den einen oder anderen doch noch von seinem Vorhaben abzubringen. Doch wer über Generationen seinen Glauben behalten hatte, scheute nun auch nicht vor der komplizierten Bürokratie zurück.

Auch beim Bau der Kirchen gab es zahlreiche Einschränkungen. Die evangelischen Gotteshäuser durften zunächst nach außen nicht als Kirchen zu erkennen sein. Türme und Rundfenster blieben daher lange Zeit verboten. Die Kirchen durften auch nicht an einer Hauptstraße errichtet werden. In Oberösterreich wurde die evangelische Kirche meist in einem "Sicherheitsabstand" zur katholischen Kirche errichtet. In Rutzenmoos und Neukematen entstanden überhaupt neue Zentren weitab eines alten Pfarrdorfes. Dies trifft z.B. auch auf die evangelischen Pfarrdörfer Kärntens zu.

zuletzt geändert: 07.01.2004

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