Am Beginn des Erdölzeitalters



 

Erdöl ist DER Energieträger des 20. Jahrhunderts. Erst vor etwa 150 Jahren begann am Kaukasus, in Europa und in den USA etwa zeitgleich das "Erdölzeitalter". Über viele Jahrhunderte zuvor wusste man mit dem schwarzen "Zeug", das an manchen Orten an die Oberfläche trat oder bei Brunnenbohrungen zum Vorschein kam, überhaupt nichts rechtes anzufangen.
 

... in den USA
1858, ein Jahr vor Colonel Drake's legendärer 1. Bohrung, wurde die erste - unabsichtliche - Ölbohrung in Nordamerika in Ontario/Kanada niedergebracht. Eigentlich war man auf der Suche nach Trinkwasser.
Weitere Informationen dazu: http://www.petroliadiscovery.com und http://www.petroleumhistory.ca
Dass der Siegeszug des Erdöls in den USA begann, ist unbestritten, doch wo das erste Erdöl kommerziell gefördert wurde, ist nicht eindeutig. Bekannt ist, dass noch 1845 der Versuch, Erdöl in großem Stil zu vermarkten, fehl schlug.
Colonel Drake gehört in den USA zu den Personen von nationaler Bedeutung, denn ihm wird die erste Ölbohrung der Geschichte zugeschrieben, was allerdings nicht stimmt. Etwa zeitgleich mit Drake - 1859 - wurde aber auch das Ölfeld bei Parkersburg/West Virginia erschlossen und bei Baku, in Europa und Kanada sind frühere Bohrungen bekannt, wenn auch die Folgen daraus weniger spektakulär waren. Drakes Ölfund kann nämlich als Anstoß zum Beginn des Erdölzeitalters angesehen werden.
 
Zaghafter Beginn in Oil Creek
So wie in China, am Kaukasus und einigen Stellen in Europa gab es auch in Nordamerika sehr seicht liegende Öl führende Gesteinsschichten. Am bekanntesten waren jene Stellen in Oil Creek im nordwestlichen Pennsylvania, wo Erdöl in "Quellen" austrat und einen richtigen Ölbach bildete.
Dieses Öl wurde seit jeher von den zum Irokesen-Stamm gehörigen Seneca-Indianern als Mittel gegen Mücken und Hautkrankheiten sowie Wundsalbe benützten. Dies sprach sich auch bei den weißen Siedlern herum, sodass schon Ende des 18. Jahrhunderts zahlreiche Hausierer mit "Seneca-Oil" aus Oil Creek als Allheilmittel durch das Land zogen.
Das Erdöl jener Gegend war aber nicht überall gerne gesehen. Um Pittsburgh boomte am Anfang des 19. Jahrhundert der Salzabbau mittels Solequellen. In diese Solequellen sickerte nun immer wieder auch Erdöl ein und verunreinigte diese.
Knapp nach 1850 begann der Apotheker Samuel Kier aus Pittsburgh sein aus den Solequellen seines Vaters gewonnene "Pennsylvania Rock Oil" zu verkaufen. Der Erfolg war aber gering. Etwas später benutzte Colonel A. C. Ferris, ein Walölhändler, das medizinische Öl von Kier, um daraus Leichtöl zur Nutzung als Brennstoff für Lampen zu erzeugen. Kier hörte davon und begann nun, mit einer Whiskey-Destillationsapparatur, sein "Rock Oil" in Lampenöl zu verarbeiten. Die Stadt Pittsburgh war darüber wenig erbaut. Kier musste wegen der Explosionsgefahr seine Öldestillation an den Stadtrand verlegen.
Der New Yorker Anwalt George Bissel erfuhr etwa 1854 ebenfalls von Kier's Destaillationsversuchen und trat in Kontakt mit Benjamin Silliman jr. von der Yale University. Silliman sollte herausfinden, ob man aus "Seneca Oil" tatsächlich Lampenöl herstellen könne. Silliman destillierte das Rohöl in verschiedene Fraktionen, darunter ein Lampenöl, das als Kerosin bereits bekannt war. Nach den erfolgreichen Versuchen gründete Bissell die "Pennsylvania Rock Oil Company", später "Seneca Oil Company".
 
Ölboom nach Colonel Drake's 1. Bohrung
Es war im Jahre 1857 und reiner Zufall, als in jenem Hotel in New Haven, Connecticut, in dem Bissel seine Geschäftspartner traf, ein arbeitsloser Eisenbahnschaffner und Expresszusteller mit Namen Edwin Drake anwesend war und Interesse am Ölgeschäft zeigte. Drake wurde angeheuert, nach Titusville am Oil Creek zu fahren, um sich nach den Ölvorkommen dort umzusehen. Obgleich Drake niemals beim Militär war, wurde er bei seiner Rückkehr nach Titusville ein Jahr später als Agent der "Seneca Oil Company" von seinen Arbeitgebern als Colonel (= Oberst) ausgegeben, um ihm mehr Kompetenz und Respekt zu verleihen.
Seit jeher wurde das Öl in Oil Creek in der Weise gewonnen, indem unterhalb der natürlichen Ölquelle eine kleiner Damm errichtet wurde. Aus dem sich dahinter bildenden Lache wurde das Öl geschöpft. Bei einem Sägewerk, das eine Ölquelle zur eigenen Schmiermittelgewinnung benützte, versuchte Drake zunächst, die Effizienz der Ölgewinnung dadurch zu erhöhen, indem er im Nahbereich der Ölquelle mehrere Gruben schuf. Damit konnte er die Ölmenge von etwa 10 bis 15 Liter pro Tag auf 25 bis 35 Liter pro Tag steigern. Diese Mengen reichten aber für eine wirtschaftliche Gewinnung nicht aus. Man versuchte daher, einen Schacht tiefer in die Öl führende Schicht zu graben. Dieser lief aber mit Grundwasser voll, noch ehe die Öl führende Schichte erreicht war. Drake beschloss schließlich, ein Loch bis in jene Tiefe zu bohren, in der der Ursprung der ständig fließenden Ölmengen vermutet wurde. Drake benutzte dafür die gleiche mit einer Dampfmaschine angetriebene Apparatur, die damals zur Herstellung der Solebrunnen verwendet wurde.
Drake heuerte den Schmied "Billy" Smith an, der schon für Kier und andere zahlreiche Solebrunnen im Gebiet von Pittsburgh gebohrt hatte. Smith und sein Sohn Samuel begannen im Sommer 1859 mit der Arbeit. Obwohl der tägliche Fortschritt im Schiefergestein nur etwa einen Meter pro Tag betrug, erreichte man am 27. August 1859 eine Tiefe von 21,2 m. Genau an jedem Tag hatte Drake sein letztes Geld ausgegeben. Als Billy und Samuel am nächsten Morgen ihre Bohrwerkzeuge aus dem Loch herauszogen, stellten sie fest, dass im Bohrloch Öl hochstieg. Man holte eine Handhebelpumpe aus der Kühe eines nahe gelegenen Hauses und konnte innerhalb eines Tages etwa 4000 Liter Öl gewonnen werden. Die Fördermenge ging bald auf etwa 1500 Liter pro Tag zurück, blieb aber bei dieser Menge für über ein Jahr.
Praktisch über Nacht wurde aus dem Bauernstädtchen Titusville eine Art Goldgräberstadt mit hastig errichteten Baracken und Bohrgerüsten. Lärmende Dampfmaschinen erfüllten das Tal.
Die Folge von Drakes Entdeckung war ein Ölboom sondergleichen, wie Meyers Konversationslexikon von 1895 zu berichten weiß: "Die Nachricht von dieser Entdeckung verbreitete sich sehr schnell, von allen Seiten strömten unternehmungslustige Menschen herbei, und es brach ein „Ölfieber" aus, an Heftigkeit dem kalifornischen oder australischen Goldfieber mindestens vergleichbar. Bis zu Ende 1860 waren bereits gegen 2000 Bohrlöcher abgeteuft, von welcher viele mit leichter Mühe eine reiche Ausbeute gaben, andre aber erst bei 120 bis 150 m Tiefe das Erdöl erreichten – oder auch gar nicht. Die Zustände in den Öldistrikten waren anfangs durchaus chaotisch, oft ergossen sich kolossale Mengen an Erdöl, ohne daß die Besitzer der Quellen genug Fässer herbeischaffen konnten, um diesen unerwarteten Reichtum zu bergen. Dazu fehlte es an Transportmitteln; man bildete Flöße aus aneinander befestigen Fässern und ließ das Öl in großen, flachen Kasten den Alleghany hinab nach Pittsburg schwimmen. Dabei entstanden die ärgsten Verwirrungen, und nicht selten entzündeten sich dem Erdboden entströhmende Gase, bildeten ein Feuermeer und richteten die schrecklichsten Verwüstungen an; das das Feuer ergriff den Fluß, dessen Wasser mit einer Ölschicht bedeckt war, und dann erlahmten alle Anstrengungen, des Feuers Herr zu werden."
Am Anfang wurden die Löcher in die Erde jedoch nicht wirklich gebohrt, sondern vielmehr gestoßen. Bei der Seilschlagverfahren genannten Methode wurde ein an einem Seil hängender Meißel gegen den Boden des Loches geschlagen. Das los gesprengte Gestein wurde in regelmäßigen Abständen mit einem speziellen Schöpfapparat aus dem Bohrloch geholt. Dieses Verfahren war mühsam und erforderte viel Zeit.
Das Schlagverfahren wurde aber weiterentwickelt, sodass der Meißel an einem Rohr hing, durch das Spülflüssigkeit nach unten gepumpt wurde. Die am Meißel austretende Flüssigkeit riss das lose Gestein mit und transportierte es nach oben.
 
Von diesem Verfahren war es nur mehr ein kleiner Schritt zum heute fast ausschließlich verwendeten Rotary-Verfahren, bei dem ein Rollenmeißel - eigentlich ein Fräser - über das Rohr - Bohrgestänge genannt - in Drehung versetzt wird und das Gestein zermahlt. Der Abtransport geschieht über die Spülflüssigkeit, die heute aus einer Emulsion aus Wasser und Chemikalien wie Baryt besteht, welches mit den losen Gesteinsteilen Flocken bildet, die leichter nach oben transportiert werden können.

Prinzip des Seilschlagverfahrens. Eine vergrößerte Abbildungen sehen sie hier.
Im Jahre 1859 brachte Drake in der Nähe des Städtchens Titusville nördlich von Pittsburgh im nordwestlichen Pennsylvania eine Bohrung nieder, die in einer Tiefe von 21,2 m auf ein ergiebiges Erdölvorkommen stieß.
Die Gegend um Titusville war schon lange zuvor dafür bekannt, dass hier Öl aus natürlichen Quellen austrat und Gewässer verschmutzte. Auch in benachbarten Gebieten in den Bundesstaaten Pennsylvania, New York, Ohio und West Virginia gab es zahlreiche natürliche Ölquellen, die bereits von den Indianern genutzt wurden. Aus West Virginia wird berichtet, dass bereits 1771 kein Geringerer als George Washington ein Gebiet erwarb, weil es eine natürliche Ölquelle enthielt.

Infos: http://little-mountain.com/oilandgasmuseum
Die Vorkommen in Pennsylvania, West Virginia, Ohio und Kentucky waren jedoch verhältnismäßig klein und durch die rücksichtslose Ausbeutung oft nach wenigen Jahren erschöpft. In allen Landesteilen wurden zahlreich weitere Bohrungen niedergebracht, die zuerst 1887 bei Coalinga und 1899 bei Bakersfield (beide in Mittelkalifornien) und ab 1897 im Raum Los Angeles zur Entdeckung riesiger Vorkommen führten, aus welchen auch heute noch große Mengen Öl gewonnen werden. Zwischen 1890 und 1900 war die Weltförderung von 8 Mill. Tonnen auf etwa 20 Mill. Tonnen gestiegen, wovon über die Hälfte aus den USA stammten - und hier wieder der größte Teil aus den neuen Ölfeldern in Kalifornien.

Der "Spindletop Gusher" 1901 war der erste große Erdölausbruch der Geschichte.

Der "Lakeview Gusher"  in Mittelkalifornien blies vom 15. März 1910 an 544 Tage lang geschätzte 1,3 Mill. Tonnen Erdöl in die Luft, ehe die Quelle plötzlich versiegte.

Die größte Ölquelle der Welt "Cerro Azul Nr. 4" in Mexiko spie 1916 in einer Woche über 150.000 Tonnen Öl bis 200 m hoch und verwandelte die Landschaft in einem Umkreis von 3 km in einen Ölsee.
Ein "Alt-Österreicher" machte Texas zum Ölland
Es war ein ehemalige Ingenieur der österreichisch-ungarischen Marine, der Texas zum Ölland machte und damit die Führung der USA auf dem Gebiet der Erdölförderung begründete:
Antonio Francisco Luchich, geboren 1855 in Giovanizo/Dalmatien, Absolvent des Polytechnikums in Graz und der Marineakademie in Triest; 1879 besuchte er seinen Onkel in Michigan und beschloss, in den USA zu bleiben. Er änderte seinen Namen in Anthony Francis Lucas, heiratete 1887 die Tochter eines angesehenen Geologen und ließ sich in der Bundeshauptstadt Washington nieder. Beruflich betätigte er sich bei der Suche nach Salz- und Goldvorkommen und war Berater einer Salzmine in New Orleans. Bei Bohrungen der Gesellschaft nach Steinsalzvorkommen entdeckte Lucas, dass in so genannten Salzdomen oft Erdöl enthalten war.
1899 wurden in einer Zeitung Bohrkonzessionen für den Spindletop-Hügel bei Beaumont im Südosten von Texas, unter dem sich ein großer unterirdischer Salzdom befindet, angeboten. Lucas leaste ein größeres Grundstück und begann im Juni 1900 mit der Bohrung. Nach anfänglichen Misserfolgen - das Bohrgerät war zu schwach, das Geld ging aus und neue Geldgeber mussten gefunden werden - machte  Lucas am 10. Jänner 1901 mit dem "Spindletop-Gusher" den bis dahin größten Ölfund in den USA - ein heftiger Ausbruch, der pro Tag über 10.000 Tonnen Rohöl 100 m in die Luft jagte. Noch nie hatte die Welt Derartiges gesehen!
Doch Lucas war der darauf folgende Rummel nicht geheuer. 1902 ging er als Berater für Erdölerschließungen nach Mexiko, später auch nach Russland und Rumänien. Er starb 1921 in seinem Haus in Washington.
Beaumont wurde über Nacht berühmt, die Einwohnerzahl verdoppelte sich in wenigen Jahren. Das Spindletop-Ölfeld wurde von den Grundeigentümern zu unverschämten Preisen an Konzessionäre verkauft. Pro Konzession wurden oft nur wenige hundert Quadratmeter vergeben, was zu einer schonungslosen Ausbeutung der Lagerstätte führte. 1902 erreichte die Förderung aus diesem einen Ölfeld mit 2.500.000 Tonnen den Höhepunkt. Schon zwei Jahre später war der Spuk vorbei: Jahresförderung nur mehr 1.500 Tonnen!
In den 20er-Jahren wurden in den Flanken des Spindletop-Salzdomes weitere große, jedoch tieferliegende Ölvorkommen entdeckt, aus denen zum Teil bis heute gefördert wird.
Infos: http://www.spindletop.org
Um 1910 wurden die Erdölvorkommen im Grenzgebiet zwischen Kansas und Oklahoma entdeckt, welche bald 40% der amerikanischen Förderung lieferten. Kurze Zeit später wurde Kalifornien mit seinen Ölfeldern bei Los Angeles und um die Stadt Bakersfield zum größten Ölproduzenten in den USA. 1918 kamen 29% der Jahresproduktion aus Kalifornien, 27% aus Kansas, aber nur bescheidene 10% aus Texas, und davon mehr als die Hälfte aus dem Spindletop-Ölfeld bei Beaumont.

Die Ölsuche in dem bis heute klassischen Erdölstaat war anfänglich wenig erfolgreich; wahrscheinlich deshalb, weil die meisten Ölfelder in Texas verhältnismäßig tief liegen, sodass erst 1926 mit dem Yates-Ölfeld im Westen von Texas und 1930 mit dem East-Texas-Ölfeld bei der Stadt Kilgore die beiden ersten von zahlreichen riesigen Ölfeldern erschlossen werden konnten, welche Texas in den 1930er-Jahren zur Nummer 1 unter den Öl produzierenden Bundesstaaten der USA machten. Die USA dominierten inzwischen mit rund zwei Drittel der Weltförderung (rund 200 Mill. Tonnen) das Ölgeschäft.

Speziell im etwa 5.500 km² großen East-Texas-Ölfeld wurden in den ersten Jahren derart viele Bohrungen niedergebracht (in 2 Jahren 12.000 Bohrungen) und die Förderung so stark gesteigert, dass die Ölpreise ins Bodenlose fielen. 1931 musste die Nationalgarde die Förderung gewaltsam einstellen. Erst nach behördlicher Festlegung von Förderquoten durfte der Betrieb wieder aufgenommen werden. Ebenfalls im East-Texas-Ölfeld wurden ab den 40er-Jahren zahlreiche illegale Schrägbohrungen durchgeführt, um dem Nachbarn das Öl abzupumpen. Nach einer genauen Kontrolle mussten fast 400 Bohrungen geschlossen werden.
Bis heute wurden aus dem East-Texas-Ölfeld aus über 30.000 Bohrlöchern die unvorstellbare Menge von 750 Mill. Tonnen Öl gefördert (produktivstes Ölfeld der USA; heute noch jährliche etwa 2,5 Mill. Tonnen aus etwa 6.000 Bohrlöchern - damit Nr. 3 in Texas).

 
Weiter: Am Beginn des Erdölzeitalters in Galizien

zuletzt geändert: 20.05.2011


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