Am Beginn des Erdölzeitalters



 

Erdöl ist DER Energieträger des 20. Jahrhunderts. Erst vor etwa 150 Jahren begann am Kaukasus, in Europa und in den USA etwa zeitgleich das "Erdölzeitalter". Über viele Jahrhunderte zuvor wusste man mit dem schwarzen "Zeug", das an manchen Orten an die Oberfläche trat oder bei Brunnenbohrungen zum Vorschein kam, überhaupt nichts rechtes anzufangen.
 

... am Kaspischen Meer
Als Marco Polo 1264 die persische Stadt Baku am Ufer des Kaspischen Meeres besuchte, sah er, wie man Öl sammelte, das sich in Vertiefungen sammelte. Er berichtete auch von der Fontäne an der Grenzen zu Georgien, aus der Öl in so großen Mengen entströmte, dass mehr als einhundert Schiffe auf einmal geladen werden konnten. Neben den mit Öl gefüllten Sickergruben sah Marco Polo auch spektakuläre Schlammvulkane, die von einsickerndem Erdgas gespeist wurden sowie einen brennenden Hang, die "Ewigen Feuer von Apsheron", wo Kondensat und Erdgas durch das Schiefergestein sickerte und verbrannte. Dieses Feuer bildete über Jahrhunderte eine religiöse Kultstätte der Parsen (= Anhänger der Zarathustra-Religion).
Das bei Baku zutage tretende Öl und Gas stammt von der Zone, die quer durch das Kaspische Meer verläuft und riesige Vorkommen an Kohlenwasserstoffen enthält. Im Bereich der Halbinsel Apsheron, auf der Baku liegt, wurde diese Zone durch vulkanische Kräfte an die Erdoberfläche gedrückt.

              

Das Öl von Baku wurde seit jeher wirtschaftlich genutzt. Zumindest seit dem 6. vorchristlichen Jahrhundert gibt es Aufzeichnungen darüber. Wie schon Marco Polo berichtete, wurden dort, wo die Öl führenden Schichten zutage traten, seichte Gruben geschaffen, in den sich das Öl sammelte und abgeschöpft werden konnte. Das Öl gelangte in Ledersäcke gefüllt, auf Kamelen in weite Teile Arabiens sowie bis nach Indien. Mit der Zeit begann auch die Nutzung tieferer Schichten. 1594 reichten handgegrabene Schächte bis in Tiefen von 35 m. Der Sekretär des schwedischen Botschafters im Iran E. Campfer berichtet 1683 von bis zu 80 m tiefen Ölbrunnen. Der Umfang der Ölgewinnung blieb jedoch über viele Jahrhunderte fast gleich. 1806 wird von etwa 50 Ölquellen berichtet. 1830 wird berichtet, dass in Baku aus 116 händisch gegrabener Brunnen jährlich 3.840 metrische Tonnen (über 700 Fässer) Öl gewonnen werden konnten. Um 1865 wird die Anzahl der Ölförderstellen auf der Apsheron-Halbinsel mit 218 angegeben. 1886 werden 168 produzierende Ölbohrungen genannt, die in Tiefen von 50 bis 315 m reichten.
1828 wurde Aserbaidschan von Russland annektiert. Mit dem Beginn der industriellen Entwicklung in Russland erhielten die Ölvorkommen von Baku eine wichtige Rolle. Der steigende Bedarf begünstigte die Entwicklung neuer technischer Erschließungsmethoden. 1844, also 15 Jahre vor Colonel Drake in Pennsylvania, erbohrte der russische Ingenieur F. N. Semyenov mit einem Schlagbohrsystem eine Ölquelle im auch heute noch genutzten Ölfeld von Bibi-Eibat. Dies ist somit das älteste in Förderung stehende Ölfeld der Welt. Der Bericht über diese erste Ölbohrung der Welt blieb aber mehrere Jahre in der Bürokratie des Zarenreiches hängen und gelangte erst in einem Bericht vom 14. Juli 1848 an den Zarenhof. Damit erfolgt die offizielle Dokumentation noch immer 11 Jahre vor Drake's Bohrung.
1868 wurde vom Zaren eine Lizenz zum Bohren nach Öl erteilt und 1871 begann die Erschließung der Ölvorkommen in großem Maßstab. Bis 1913 wurden in der Umgebung von Baku rund 3500 Erdölbohrungen niedergebracht. 1883 gab es 135 Ölindustrielle in Baku, wovon jedoch nur 17 Einheimische waren. Der Pariser Bankier Rothschild gehörte zu den größten Finanzgebern der Ölförderung von Baku. Bis 1916 wurden mit ausländischem Kapital in Baku 104 Ölunternehmen gegründet. 1910 kontrollierten 60% der Ölfelder von Baku drei große Gesellschaften: "Royal Dutch Shell", "The Nobel Brothers’ Oil Partnership" und "The Main Russian Oil Partnership".

1859 entstand in Baku die erste Ölraffinerie. Schon 1867 gab es 15 Raffinerien. von 1878 bis 1898 wurden 230 km lokale Ölpipelines gebaut. Zwischen 1896 und 1906 entstand schließlich die 833 km lange Pipeline von Baku nach Batumi am Schwarzen Meer. Sie hatte einen Durchmesser von 200 mm und eine Kapazität von 900.000 Tonnen jährlich.
 
Da das damals größte bekannte Ölfeld der Baku-Region Bibi-Eibat größtenteils am Grund einer Bucht des Kaspischen Meeres lag, war es notwendig, die Bucht für den Förderbetrieb trockenzulegen. Zwischen 1909 und 1927 wurden etwa 300 Hektar der Bucht aufgeschüttet. Dies war damals nach dem Bau des Panamakanals die größte wasserbautechnische Maßnahme auf der Erde.

Die Entwicklung der Erdölförderung in Baku:
 
Jahr Millionen Tonnen Öl

1883

1,0

1884

1,4

1885

6,4

1886

2,0

1887

2,7

1888

3,1

1889

4,3

1890

3,9

1891

4,6

1892

4,7

1893

5,5

1894

5,0

1895

6,4

1896

6,5

1897

6,9

1898

7,9

1899

8,4

1900

9,7

1901

10,8

1903

7,5

1910

8,0

1913

7,2

1917

6,4

1919

3,7

1921

2,4

1941

23,5

1945 11,5
Die Ölförderung um Baku ging jedoch infolge der wirtschaftlichen Krise Russlands zurück. Die Ereignisse rund um die Russische Revolution von 1917 führte schließlich zu einem weitgehenden Zusammenbruch der Ölförderung. Die etwa 300 in Baku tätigen Ölgesellschaften wurden zunächst verstaatlicht. Da sich Aserbaidschan aber 1918 zu einem selbstständigen sozialistischen Staat erklärte, der aber mit türkischer Hilfe durch eine "Aserbaidschanische Republik" ersetzt wurde. Die Verstaatlichung der Ölfirmen wurde rückgängig gemacht. Da die Ölvorkommen von Baku für die junge Sowjetunion von großer Wichtigkeit waren, erfolgte im April 1920 die Besetzung durch die Rote Armee und die Annexion durch die UdSSR. Es dauerte jedoch Jahre, um die Ölförderung zu stabilisieren und deutlich zu erhöhen. Bis 1940 konnte die Förderung auf 22,2 Millionen Tonnen gesteigert werden (71,5% der Förderung der UdSSR). Ein Jahr später wurde mit 23,5 Millionen Tonnen der historische Höhepunkt erreicht. Während des Krieges wurden zunehmend Frauen auf den Ölfeldern eingesetzt. 1942 waren es 25.000 (33% aller Ölarbeiter). Bis Kriegsende stieg der Frauenanteil auf 60%.
Die Ölfelder von Baku waren auch ein strategisches Ziel Hitlers. Hitler fixierte den 25. September 1942 für die deutsche Besetzung Bakus. 764 Ölquellen wurden daher von den Sowjets stillgelegt, ein Großteil des Bohrgerätes wurde in andere Teile der UdSSR verbracht, der größte Teil nach Kuybishev in Tataristan. Da zu dieser Zeit die herkömmlichen Transportwege über Land von deutschen Truppen blockiert waren, musste das Öl über das Kaspische Meer transportiert werden. Da es kaum Tanker dafür gab, schnitt man kurzerhand die Kessel der Eisenbahnwaggons von den Fahrwerken und schleppte sie über das Meer. Die deutsche Besetzung Bakus kam aber nicht zustande. Die Drohung hat aber nachhaltig bewirkt, dass die Ölförderung in Baku wesentlich geschwächt war und nie wieder an den Rekord von 1941 herankam.
Die Nachkriegsentwicklung der Ölförderung von Baku war geprägt durch die Erschließung der Ölfelder vor der Küste. Dazu mussten künstliche Inseln aufgeschüttet werden. Die größte dieser Vorhaben heißt "Neft Dashlari" (= Ölfelsen). 1958 begannen die Arbeiten zum Bau eines 7000 Hektar großen künstlichen Inselkomplexes 45 km vor der Küste. Auf der Insel entstand eine komplette Stadt für die Ölarbeiter. Weitere rund 1300 Inseln und Förderplattformen waren über Brücken mit dem Inselkomplex verbunden und erreichten eine Gesamtlänge von über 450 km. Vom "Ölfelsen" wurden fast 2000 Bohrungen durchgeführt, aus denen über 160 Millionen Tonnen Erdöl gefördert werden konnten. Auch heute leben in dieser künstlichen Inselstadt noch 2000 Menschen.

Während 1950 noch 39% der Ölförderung der UdSSR aus Baku kamen, waren es 1980 nur mehr 2,4%.
 
Weiter: Am Beginn des Erdölzeitalters in Deutschland

zuletzt geändert: 14.05.2011


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